HANSJÖRG SCHNEIDER - NEUE ERNTE

Papierschnitt und -riss
16. Juli bis 4. August 2021

Am Freitag, 16. Juli 2021, ist die Ausstellung von 16 bis 21 Uhr geöffnet.
Der Künstler ist anwesend.

Unterstützt durch:
NEUSTART KULTUR
Stiftung Kunstfonds

Hansjörg Schneider - Mit der Klinge zeichnen

Beim ersten Anblick der in dieser Ausstellung gezeigten Werke von Hansjörg Schneider könnte man denken, man hätte es mit konventionellen grafischen Arbeiten zu tun, also Drucken und Zeichnungen. Erst bei genauerem Hinsehen wird deutlich, dass es Collagen sind.  Dennoch erscheint der Begriff „Zeichnung“ für diese Arbeiten eigentlich treffender, nur zeichnet Hansjörg Schneider hier eben nicht mit Stift oder Feder, sondern mit Klinge und Papier. Er arbeitet mit verschiedenen Klingen, wichtig dabei sind auch die keilförmigen Doppelklingen, mit denen er unterschiedlich dicke Linien ziehen kann, indem er die Klingen entweder im Originalzustand lässt oder sie etwas zusammendrückt. Dadurch erreicht er die Eleganz seiner Linien. Dabei ist seine Vorgehensweise in den hier gezeigten Werkgruppen ganz unterschiedlich. Bei den Großformaten – Needs Mending und den beiden Arbeiten aus der Serie On Grid – bringt der Künstler auf ein starkes, mit schwarzer Tusche bemaltes Papier ein aus Papier ausgeschnittenes fragiles Netz mit einem selbst hergestellten Leim auf. Die Wirkung ist die einer Zeichnung. Needs Mending zeigt ein großes, strenges Raster, ein Netz, das, wie der Titel sagt, der Reparatur bedarf, während die anderen Arbeiten sehr viel organischer wirken und an ein dichtes Laubwerk, aber vielleicht auch an Kirchenfenster denken lassen.
Bei Hansjörg Schneider bestimmt das Material die Form und die Größe der Arbeiten. Für die Serie Harvest verwendet er einen Block mit einem Layout-Muster von Willy Fleckhaus. An dessen Raster kann er sich orientieren und kommt dabei immer zu ganz eigenen Bilderfindungen. Geprägt ist diese Serie von einem Nachdenken über das Thema Ernte, das für ihn auch ein Thema des Verlusts ist, weil die Ernte in der modernen westlichen Gesellschaft ihre symbolische Bedeutung verloren hat. Interessant ist dabei seine Auseinandersetzung mit Fragen der Nutzbarmachung und Ausnutzung von Fläche. Die Arbeiten bleiben sehr resolut abstrakt, eröffnen aber weite Assoziationsräume. Die Schneide- und Risstechnik des Künstlers führt zu ganz unterschiedlichen räumlichen Effekten: die harten geschnittenen Kanten treten nach vorne, während die weichen, gerissenen Kanten nach hinten gehen. Die sehr feinen Linien sehen fast wie geklöppelt aus. Passend zum Titel erinnern manche Arbeiten an Luftaufnahmen von landwirtschaftlichen Feldern, gleichzeitig mag man aber an chinesische Schriftzeichen, Hieroglyphen, Keilschriften oder Anordnungen von Steinen denken – diese Reihe ließe sich sicher fast beliebig fortsetzen.
Die Serie On Growth and Form ist inspiriert von dem 1917 erschienen gleichnamigen bahnbrechenden Buch des schottischen Naturwissenschaftlers D’Arcy Wentworth Thompson, vielleicht der Urvater der Bionik, in dem er sich den Einflüssen von Physik, Mathematik und Mechanik auf die Entwicklung von Form und Struktur von Lebewesen widmet. Hier setzt sich Schneider auf vielleicht überraschend expressive Weise mit mathematischer und organischer Abstraktion auseinander. Das Material stammt aus einer Schachtel mit Kohledurchschlagpapier, das er in einer Schublade seines Vaters gefunden hat.
Die Arbeiten aus der Serie Quicksilver Messenger Service schließlich wirken vor ihrem schwarzen Hintergrund und ihrem silbernen Schimmer wie kostbare Miniaturen und zeugen dabei auch vom großen Witz des Künstlers, sind sie doch aus Kaugummipapier entstanden, wie man unschwer an den gezackten Kanten erkennt. Ihre Entstehung ist der Pandemie geschuldet, denn der Künstler hatte sich die Aufgabe gestellt, während des Lockdowns täglich eine solche Arbeit zu produzieren. 
Die in dieser Ausstellung versammelten Arbeiten sind insofern eine „Neue Ernte“, als sie die Frucht der langjährigen Auseinandersetzung des Künstlers mit den Möglichkeiten des abstrakten Papierschnitts darstellen. Auf die weiteren Ernten darf man gespannt sein.

Wilhelm Werthern, Berlin 2021



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